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Wieso ich?
 
Quidquid agis, prudenter agas et recipe finem
 
Meine Kameraden:
Wetzel, Lesser, (ich), Textores, Bäumker, Czaika
 
Es ist nun schon über eine Woche her, dass mir im geliebten Gelände "Nördlich Unterkunft" etwas zustieß, von dem ich euch bislang noch nichts erzählt habe. Ich hatte mir es so zu sagen selbst "zustoßen lassen". Dies hört sich sehr geheimnisvoll an, vor allem für Außenstehende. Außenstehende waren alle, außer mir:  meine Kameraden Hartmut, Dirk und Klaus, aber auch Fahnenjunker Kahnert, ebenfalls ein gestandener Dienstgrad aus dem Sanitätsbereich und zum Schluss ein ziviler Facharzt. Aber fangen wir vorne an.
 
Früh am Morgen marschierten wir in voller Ausrüstung los ins "geliebte" Land. Der Himmel war wolkenverhangen, aber es regnete nicht. Ein kühler Wind wirkte sich erleichternd aus. Nach etwa einer halben Stunde konnte ich endlich, voller Erwartung, mit ebenso vollem Sturmgepäck, obwohl es nur windig war, den Freiraum der mich umgebenden Natur in mich aufsaugen. Der Horizont wurde bisweilen von Wolkenlücken erhellt. Ich verglich diese mit eigenen Zukunftsgefühlen. Auch mir war so, als zeichneten sich im Vordergrund meines Lebens einige hellen Stellen ab, und das war ja auf Grund der schon weit voran geschrittenen Grundausbildung gar nicht so abwegig. Ich genoss also diese Landschaft, die sich mir ziemlich eintönig, von kargem Bewuchs, vorwiegend mit anspruchslosem Nadelholz, nämlich Kiefern überzogen, darbot. Das fahle Licht einer Sonne, die den späten Frühling noch immer nicht frei geben will, überzog die Gesichter meiner Kameraden, wahrscheinlich auch meins. Ich vermutete, dass wir alle ähnliche Gedanken hegten, wie etwa: Wir werden alles schon hinter uns bringen, in drei Wochen sehen wir weiter, jedoch wir leider uns nicht mehr. Jeder spürte, dass es so kommen würde. Dies war eben unsere Zeit, bemessen in Raum und Zeit, ein Raum-Zeit-Kontinuum, in dem wir kontinuierlich unseren Dienst leisteten.
 
In dem Augenblick, als wir am Rande einer ehemaligen Kiefernschonung Halt machten, riss der Himmel auf und wir durften unser Sturmgepäck abschnallen. Da ich nicht an eine Pause gedacht hatte, war ich auch nicht vom Ausbleiben derselben enttäuscht. Wir erwarteten nämlich westlich der Nördlichen Unterkunft bereits jetzt den "Feind". Das Kieferngehölz mit seinem toten Geflecht bot uns Schutz beim Gefecht, das zu erwarten war. So ergriffen wir erneut das Gewehr und nahmen die schon mehrmals erwähnte "Pirschhaltung" ein. Bisweilen glaubte ich, der Feind wäre im Bereich des Dam- oder Rotwildes zu suchen. Echte Verteidigung hätten wir wahrscheinlich nur bei der Annäherung von Schwarzwild leisten müssen. Der Name des "Feindes" war mir allerdings in den vergangenen Wochen mehrmals in der Theorie eingetrichtert worden: "Imaginär!" Im Anblick unserer Truppe - so kann ich mir vorstellen - wäre er sicher um sein "Image" besorgt gewesen. Trotz dieser seiner Sorge um sich selbst war mir der imaginäre Feind immer noch der liebste, bis heute! Jene Art von Feind zu bekämpfen, dazu schlichen wir geduckt durchs Unterholz der Krüppelkiefern.
 
Ich kam mir selbst bisweilen wie ein Krüppel vor, denn welcher Mensch bewegt sich freiwillig so, als wenn er ein Krüppel wäre? Den Kiefern war das alles einerlei. Ich hoffte anfangs noch auf ihr Mitgefühl, aber sie waren ja selbst schon verkrüppelt. Sie kannten offenbar das Los der Soldaten in Ausbildung. Es war in etwa ihr eigenes. Der Feind wurde zwar anhaltend vermutet, doch ich weiß bis heute nicht, wer uns das eingeredet hatte. Ich war deshalb von Anfang an der Ansicht, dass der Feind überhaupt kein Interesse an uns hatte.
 
"Ton abgeben!" Das war verpöhnt. Wir durften noch nicht einmal niesen! Wer dennoch diesen unwiderstehlichen Reiz in seiner Nase verspürte, musste auf die Zunge beißen, natürlich auf seine eigene. Das half meistens. Doch ich hatte gelegentlich derart starke Niesreize, dass ich meine Zunge hätte durchtrennen müssen, um nicht zu niesen. Aber das wäre dann "Selbstverstümmelung" gewesen und hat bestraft worden. So nahm ich das geringere Übel in Kauf. Ich noss! Deshalb hätte man mich wohl nie zu einem Spähtrupp abkommandiert. Nach der Operation wollte man schließlich keine verstümmelten Soldaten empfangen. Ich nahm diese Gedanken als Trost, denn ich hasste Spähtrupps.
 
Von Anfang an fand ich es im Bereich der Krüppelkiefern nicht recht gemütlich. Ich hatte nun schon vieles über mich ergehen lassen. Immer wieder sagte man mir, was ich zu tun hatte. War ich nicht ein Mensch, der auch selbst sein Schicksal in die Hand nehmen konnte? Natürlich! Aber welche Entfaltungsmöglichkeiten hatte ich? Mein Eigenleben war bekanntlich in den vergangenen Wochen sehr eingeschränkt worden. Ich fühlte mich deshalb manchmal schon fast beschränkt. Doch wer kurbelte die Schranken auf und nieder? War es der Feind, der "imaginäre"?  Wer war eigentlich mein Feind? Waren es meine Stubenkameraden? Ach was! War es Fahnenjunker Kahnert?  Vielleicht. War es Feldwebel Krieger? Warum? War es die Bundeswehr?  Nein, das waren alles keine greifbaren Feinde! Gegen wen kämpfte ich eigentlich? Ich kämpfte ja gar nicht richtig, weil es keinen Feind gab. Er war ja imaginär.
 
Bei diesen Gedanken hatte ich plötzlich "die Nase voll". Dabei musste ich zum Glück nicht niesen. Ich betrachtete beide Daumen meiner ebenso beiden Hände. Meine Daumen waren schon etwas Besonderes.  Seit meiner Geburt, wie ich hinterher erfuhr, konnte ich sie auf Grund einer Bänderüberdehnung auskugeln lassen. Wie sieht das aus?  Nun, haltet euch eure rechte Hand weit vor das Gesicht , mit der Innenseite euch zugewandt! Nun seht ihr alle 5 Finger einschließlich Daumen. Ich war und bin bis heute in der Lage, den gestreckten Daumen auszukugeln, das heißt, nach diesem Vorgang erstreckt sich das Kugelgelenk des Daumens bis etwa zur Handflächenmitte und wölbt sich darüber. Der Rest, also das Ende des Daumens, weist dann eine besonders starke Rechtsweisung auf. Kurz:  Das alles sieht nach einer ernst zu nehmenden Verletzung aus. Bei der linken Hand gelten alle Ausführungen entsprechend, und zwar symmetrisch, auch die "Verletzung" sieht symmetrisch ernst zu nehmend aus.
 
Als ich nach einer halben Stunde noch immer gegen einen imaginären Feind kämpfte, besann ich mich auf meine Tugenden und - "kugelte" mir den rechten Daumen aus. Etwas verlegen hielt ich ihn Hartmut entgegen. "Was hast du denn gemacht?" fragte er leicht schockiert. "Ich weiß nicht," gab ich kleinlaut zurück, "ich glaube, da stimmt was nicht." "So kannst du doch nicht weiter machen", fügte er hinzu (und das wollte ich ja auch nicht). "Ich würde das Fahnenjunker K. mitteilen, das sieht ja schlimm aus!"  "Ja, es sieht nicht gut aus!" antwortete ich. Fahnenjunker K. hatte inzwischen schon bemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war. Er trat näher, den Feind außer Acht lassend, und wendete sich mir zu: "Zeigen Sie mal, Hoffmann, oh, was ist das? Wie haben Sie denn das gemacht? Das sieht ja fürchterlich aus!"  "Ich weiß nicht," gab ich etwas wenig selbstbewusst zurück. "Na, da müssen Sie aber zum Sanitätsbereich. Das muss untersucht werden! Können Sie alleine zur Kaserne zurück gehen?  Ich meine, brauchen Sie niemanden, der mit Ihnen geht? Schaffen Sie es also ohne Begleitung?" fragte er. "Ich glaube, mit Sicherheit!" antwortete ich. "Nun denn, dann mal los! Hoffentlich ist nichts gebrochen!" hörte ich noch, als ich mich meinem abgelegten Sturmgepäck näherte, um es aufzunehmen. "Nun, lassen Sie das Sturmgepäck liegen, es wird jemand für Sie zurück tragen!" rief Fahnenjunker K. schon fast bestimmend.
 
Wie sollte ich das dem Träger wieder gutmachen? Meine Stubenkameraden warfen mir noch einen verunsicherten Blick zu, bevor ich mich auf den Rückmarsch begab, diesmal recht kriegsunähnlich, ohne Gewehr und Sturmgepäck. Gut, dass ich wusste, auch diesmal würde der Feind ausbleiben. Hätte der im Ernstfall etwa auf meinen Dauen gezielt? In diesem Augenblick begriff ich, wie menschlich doch unser Dienst vonstatten ging, und ich spürte bereits jetzt, nach wenigen Minuten, ein großes Unbehagen. Was war ich für ein Soldat? Ich tröstete mich damit, so etwas im Ernstfall niemals gemacht zu haben, und ging anschließend trotz allem mit erleichterten Schritten zur Kaserne zurück. Ich kam mir vor wie ein Einzelgänger, denn ich war ja auch einer. Während meine Kameraden fortan im Unterholz der Krüppelkiefern - so verkrüppelt kamen sie mir nun nicht mehr vor - den Krieg übten, zog ein einzelner Soldat hinter der Front zur Kaserne zurück.
 
Bald erreichte ich das schützende Revier. Die Luft war widererwartend angenehm warm geworden. Soldaten, die mir begegneten und mich grüßten, kamen mir wie Untergebene vor. Ich hatte ein kleines Stück Schicksal in meine Hände, vor allem in die rechte, genommen. Ich hatte einen kleinen Sieg über mich selbst errungen. Ich hatte die Beziehung zu mir selbst noch nicht verloren, ich kannte mich noch! Nun hätte es nur noch gefehlt, mich selbst zu grüßen. Aber die Geschichte hatte eben erst begonnen.
 
Allmählich fing mein Daumen wirklich an zu schmerzen. Ich konnte ihn jetzt doch nicht wieder einkugeln! Meine "Verletzung"  musste ich für alle sichtlich vorzeigbar bewahren. So wanderte ich recht zivilistisch der Kaserne zu. Ich schlug den Weg zum San-Bereich ein, gemäß Befehl von Fahnenjunker K. . Je näher ich kam, desto mehr stieg in mir  die Angst hoch, dass medizinisch geschulte Menschen meiner Schliche auf die Spur kommen könnten. Mit dieser Angst auf Grund eigenen Verschuldens betrat ich den Sanitätsbereich unserer Kaserne.
 
Der Stabsarzt sah meinen ausgekugelten Daumen bereits von weitem. Er bemerkte: "Nicht schlecht! Tut´s weh?"  "Etwas schon", antwortete ich, und das war nicht einmal gelogen. Ich erinnerte mich an meinen vormaligen Besuch im San-Bereich, als ich kaputte Füße hatte. "Lassen Sie ruhig scheuern, Sie sind Soldat!" Jetzt klagte ich nicht, nun war ich recht tapfer, was mir zudem recht leicht fiel.
 
Der Stabsarzt fummelte nun etwas an meinem Daumen herum, den ich verkrampft spannte, damit er sich nur ja nicht vorzeitig einkugelte. "Ich könnte jetzt ein paar Experimente machen", sagte er dann, "aber Ihr Daumen ist mehr die Angelegenheit für einen Spezialisten, so wie das aussieht. Ich überweise Sie zu einem Facharzt in Hannover." 
 
Was sollte ich dazu sagen? Jetzt war ich erst recht ein Opfer meiner eigenen Selbstständigkeit geworden. Das hatte ich nun davon. Jetzt sollte ich sogar noch einen Facharzt hinters Licht führen. Noch nie hatte ich meine Kameraden im Gelände, wie verkrüppelt die Kiefern auch sein mochten, so beneidet!  Ein Jeep wurde bereit gestellt! Ich bekam einen eigenen Fahrer! Ich fühlte mich - wenn auch unvollkommen - wie ein Vorgesetzter. 
 
Mein Fahrer brachte mich sicher ans Ziel, zu einem Facharzt, der mein Knochenleiden schon richtig durchschauen würde. Jetzt würde alles ans Tageslicht gebracht. "Klaus Hoffmann hat unter Einsetzung einer naturgegebenen Mißbildung seiner Hände sich dem Dienst im Gelände entzogen, somit Kameraden und Vorgesetzte getäuscht, verunsichert und in Entscheidungszwänge gebracht, die einer tatsächlich vorhandenen Entscheidungssituation nicht entsprechen. Ein solcher Soldat ist somit untragbar, da er seine Kräfte nicht bedingungslos in den Dienst der Armee stellt." (Ich hatte meine Kräfte in den Dienst meiner verlängerten Arme gestellt.) 
 
Nach dieser eigenen dienstlichen Beurteilung wurde meine Angst vor dem Facharzt noch größer. Zunächst verbrachte ich bange Minuten im Wartezimmer. Dann, endlich, war es so weit! Noch immer hielt ich meinen Daumen der rechten Hand verkrampft fest - oder hielt er sich an mir fest? Es schmerzte echt immer stärker. Für den Facharzt war die Sache ebenfalls etwas außergewöhnlich. Ich musste mich einer ausgedehnten Röntgenoperation unterziehen. Röntgenlicht? Schlimmer als Tageslicht! Nach erfolgter Prozedur verblieb ich ohne Ergebis noch etwa eine halbe Stunde im Wartezimmer. Dann kam der Facharzt mit federndem Schritt, mit Neigung zu Verlangsamung, damit alles spannender würde, auf mich zu.
 
Seine rechte Hand streckte er mir entgegen, fast wie zu einer kameradschaftlichen Grußbezeugung. Meine Bereitschaft zur Erwiderung war nicht sonderlich hoch. Dennoch streckte ich meine rechte Hand etwas vor. Er ergriff sie, dann meinen Daumen, zerrte ruckartig an demselben - und damit war er spontan wieder eingekugelt. (Das hätte ich auch selbst gekonnt.) Endlich! Die Schmerzen ließen nach! "Sie haben von Geburt an eine Bänderüberdehnung", sagte er. (Von ihm habe ich übrigens mein Wissen darüber.) "Es ist aber nichts, was Besorgnis erregen müsste," fügte er noch hinzu.
 
"Kann so etwas denn schon mal wieder passieren?" wollte ich wissen. "Ja, natürlich, aber das Gelenk springt sofort wieder rein, wenn man daran zieht." Nun wusste ich, woran ich war. Und das musste ich auch meinen Stubenkameraden und meinem Fahnenjunker abends klar machen. Mein Geheimnis nicht preisgebend, erzählte ich Geschichten von meiner ausgekugelten Hand, von Schmerzen, die kaum aufgetreten waren. Niemand hat etwas von meinen echten Nöten je erfahren, die ich an diesem Tag durchlitten hatte. Meine Leidensmiene wurde von allen akzeptiert, weil jeder spürte, dass ich zu bemitleiden war. Am Abend dieses denkwürdigen Tages hatten wir alle unseren Dienst geleistet. Mein "Dienst" hatte mich selbstbewusster gemacht, aber wohl nur auf Grund günstiger Umstände. Günstige Umstände sind meist gut. Ich sollte aber fortan nicht nur ein "Günstling" bleiben. Und das war im Sinne meiner Kameraden nur allzu gerecht.
 
9. Juni
 
Ich sitze hier im Flughafenpark Hannover-Langenhagen auf einer schattigen Bank und genieße den frühen Sommer. In dienstfreien Stunden scheint mir die Sonne eher zugetan als sonst. Bald wirdes dreizehn schlagen. Zu dieser Tageszeit gesellt sich zu meiner inneren Ruhe - oder besser Müdigkeit - auch noch eine angenehme Pausenstimmung über dem Flughafen. Zudem ist Sonntag. Wie habe ich diesen Wochentag inzwischen schätzen und lieben gelernt! Ein Tag, an dem ich in meinen Vorstellungen und mit meinen Erwartungen in Stunden des gespielten Krieges besonders hing!
 
Der Sonntag versprach Frieden, Erholung und die Einschätzung, daß auch der anstrengendste Dienst bald einen angenehmen Ausgleich finden würde. Wie kostbar waren jene Stunden an einem freien Wochenende. Müdigkeit - obwohl vorhanden - durfte einen nicht bis zum Einschlafen übermannen. Das war unverzeihlich. Als Soldat findet man immer eine Gelegenheit zum Schlafen, so zwischendurch im Dienst, meine ich.  Ich erinnere mich daran, daß ich einmal auf Grund einer zweimal hintereinander durchübten Nacht während des Marschierens am hellichten Tage fast eingeschlafen wäre, wenn mich nicht ein Kamerad hinter mir im letzten Moment energisch gefasst und vor dem Sturz in einen Wassergraben bewahrt hätte.
 
Die 3. Batterie fährt zu Beginn des nächsten Monats drei Wochen an die Ostsee. Vielleicht bin ich dann schon wie ein nach der Grundausbildung frisch geschliffener Diamant dabei. Die Schreibstube fährt natürlich mit, das Manöver ist schließlich für alle da. Ein Kamerad erzählte mir, dass solche Übungen einen besonderen Reiz im Soldatenleben ausüben könnten, vor allem für mich als Neuling auf der Schreibstube. Ich hätte ja mit Geschützen und anderen Waffen nichts zu tun, würde eben nur schriftlich arbeiten und dabei auch noch im Trockenen sitzen. An der Ostsee bliese bisweilen ein unangenehm kalter und starker Wind. Nichts für Schreibmaschinen und Din A 4 - Bögen, die man davor schon zu schützen wisse, genauso wie das Dienstpersonal. Also malte ich mir nach der bald hinter mir liegenden Grundausbildung vorstellungsmäßig ein paar schöne Ferientage an der Ostsee aus und überhaupt eine bessere Zeit als bisher seit dem 1. April. Sonntagsstimmungen sollte man jedoch hinsichtlich ihrer Aussagekraft gegenüber der zu erwartenden Realität nicht überschätzen!
 
10. Juni
 
Heute musste ich mich beim Schreibstubenchef der 3. Batterie vorstellen. Ein netter junger Mann, der in einem ganz normalen Ton mit mir sprach, was Lautstärke und Ausdruckweise betraf. Lagen hier etwa ganze Welten zwischen den einzelnen Kasernenblöcken? Ein Feldwebeldienstgrad mit einwandfreien Manieren. Man hatte mich während der harten Grundausbildung wohl doch nur bangemachen wollen. Die Schreibstube ist riesengroß und besteht aus drei durchgehenden Räumen, die von vielen Soldaten wohl täglich "durchgehend" benutzt werden, so stumpf sah der dunkeloliv schimmernde Bodenbelag aus. Offensichtlich gab es hier bisher doch eine Menge zu tun. 
 
Ich gab eine kurze Vorstellung meiner Maschinenschreibkunst auf einem mechanischen Ungetüm und merkte sofort, dass meine mir selbst beigebrachte Dreifingermethode bezüglich ihrer Schnelligkeit Eindruck beim Feldwebel erweckte. Ich las aus seinem Mienenspiel seine Gedanken, dass mit Schreibmaschine und Abitur in dieser Umgebung wohl etwas zu machen wäre und fühlte mich nach getaner Arbeit schon fast wie der neue Stabsdienstsoldat der 3. Batterie im Flugabwehrbataillon der Boelcke-Kaserne in Hannover-Langenhagen. Natürlich hatte ich meine Rechnung ohne den Spieß (Hauptfeldwebel) gemacht. Der konnte den Spieß jederzeit noch herum drehen, sozusagen als Meister der Befehlsausgabe. So kam ich mit gemischten Gefühlen auf meine Stube in der Ausbildungskompanie zurück. Ich war mir aber nicht sicher, ob ich auf diese schon herab sehen sollte in Erwartung eines komfortableren Zimmers bei den anderen "Schreibstubenhengsten". Deshalb genoss ich erst einmal ein weiteres der vielen Gespräche mit meinen alten Kameraden, hatten wir doch nun fast drei volle Monate zusammengehalten und uns gegenseitig unterstützt in Dick und Dünn, bei Regen und Wind, bei Alarmen und Märschen und Übungen aller Art.
 
Trotz mancher Entbehrungen und Verzichte, gerade auf Grund der Entzugserscheinungen der zivilen Lebensführung - war die Bilanz unserer frohen Stunden nicht schlecht. Multum, wenn auch nicht multa.                                                 
 
14. Juni
 
Fern der Heimat hat das Telefon immer eine besondere Bedeutung. Der Nachteil des Telefonierens besteht jedoch darin - da es mit Unkosten verbunden - dass man in kurzer Zeit möglichst viel sagen will und daher zunächst nicht weiß, mit welchen Worten man ein Gespräch beginnen soll. Die Aufregung beim Telefonieren ist daher das Kostspieligste.  Heute habe ich endlich wieder 34 DM Wehrsold erhalten. Ebenfalls eine sehr aufregende Sache, weil ich kein Geld mehr besaß. Wahrscheinlich ziehe ich am Samstag (22. Juni) in meine Stammbatterie um. Dies bedeutet dann das Ende der Grundausbildung!! Ich werde Stabsdienstsoldat! An Heimaturlaub ist jedoch nicht zu denken. Diejenigen, die während des Manövers hierbleiben, haben die unangenehme und langweilige Aufgabe, Wache zu schieben, eine Tätigkeit, bei der man sich Einsteins Relativitätstheorie einverleiben könnte. Ich fahre voraussichtlich mit zur Übung. Obwohl ich zur Zeit sehr wach bin, hat man mich nicht für die Wache bestimmt.
 
Die letzten Tage der Grundausbildung waren hart. Wir hielten uns fast jeden Tag im Gelände auf, am vergangenen Donnerstag sogar von 2 Uhr früh bis 15 Uhr nachmittags. Viele Grashalme kamen mir bekannt vor, als hätte ich sie schon mal woanders gesehen. Die Hitze machte uns schwer zu schaffen, aber wir sind alle - bis auf einen, der besonders hart zwischen genommen wurde - gut über die Runden gekommen. Wir bedauern die armen Neulinge, die ab 1. Juli von Anfang an in sommerlichem Klima ihren Dienst verrichten müssen. 
 
Nächste Woche geben sich bei uns noch einige Appelle die Hand. Die Vereidigung ist wahrscheinlich am Mittwoch, und danach wird die Besichtigung stattfinden. Nächste Woche ist sozusagen "Sommerschlussverkauf" der Grundausbildung.
 
Morgen ist Gruppenabend bei unserem Ausbildungsfahnenjunker. Er hat mich darum gebeten, mich dort von meiner spaßigen Seite zu zeigen, damit alle etwas zu lachen haben. Vielleicht werde ich mich dort richtig austoben können,  lieber zu einem solchen Anlass als draußen im Gelände. Ich nehme Abschied vom Grundwehrdienst mit gespaltenen Gefühlen. Viele Strapazen werden nun ein Ende haben, aber ich werde auch viele gute Kameraden verlieren und auch Ausbilder, auf die ich mich einzustellen gelernt habe und die mir im Räderwerk der Dienstgrade in ihrem erlaubten Machtbereich verstärkt als Menschen erschienen mit mehr oder weniger bekannten Schwächen und Stärken. Neuland ist in Sicht!                                                
 
15. Juni
 
Heute bin ich zum erstenmal G.v.D. (Gefreiter vom Dienst) Ich sitze hier auf dem U.v.D.-Zimmer und nehme Telefongespräche an oder schreie ab und zu mal über den Flur. Mein Dienst, der bis morgen mittag dauert, bringt mich glücklicherweise um einen Orientierungsmarsch, der als "erzieherische Maßnahme" für heute Nachmittag angesetzt wurde. Wozu soll ich mich auch erziehen lassen?
 
Habe ich nicht mein Bestes gegeben? Ich stellte fest, dass man mit einem Glücksgefühl prima schreien kann. Ich hatte in den vergangenen 11 Wochen manches Geschrei gehört, nur nicht mein eigenes. Nun war ich einmal dran! Ich konnte es! Ich schrie meine Befehle in den Flur, dass es laut nachhallte! Ich war dazu verpflichtet! Alle Kameraden, die noch zugegen waren, mussten akustisch erreicht werden. Ich schaffte es! Ich spürte zum erstenmal, dass Brüllen auch schön sein kann, dass es einem etwas gibt. Und als ich den Dienstplan für die kommende Woche erhielt, wurde ich noch froher. Dienstende am Montag schon um 10 Uhr! Außer einigen Appellen und dem unangenehmen "Stillgestanden" lag eigentlich nichts vor. Auslaufwoche!
 
Ich bin jetzt froh und pendele zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Ich meine zu spüren, ich hätte jeden Grundausbildungsdienst bereits hinter mir. Aber da kommt noch die 12. Woche! Zunächst einmal sitze ich hier auf der U.v.D.-Stube zwischen Telefon und Kofferradio und warte auf ein Gespräch oder ein besseres Radioprogramm. Als Soldat wartet man eigentlich ständig. Vor mir liegt eine lange Nacht. Eine ruhige Zeit, ohne Alarm. Ich habe Zeit! Doch was fange ich damit an? Ich warte, bis mir was einfällt. Was mir einfiel, weiß ich nicht mehr. Doch mit Sicherheit lassen einen die Gedanken nie im Stich. Cogito, ergo sum. Ich war - müde!                                               
 
17. Juni
 
Heute ist es trübe und regnerisch. Der Dienst dauerte von 7 bis 10 Uhr. Wir sahen uns einen Film an aus Anlass des 17. Juni 1953. Anschließend hielt der Bataillonskommandeur vor dem gesamten auf dem Exerzierplatz angetretenen Bataillon eine Gedenk- und Mahnrede. Diese dauerte nur 30 Minuten, so dass es nur zwei Soldaten vom Stehen schlecht wurde. Doch diese Kameraden waren nicht von der Ausbildungskompanie, denn wir sind schließlich Stehen gewöhnt. Anschließend war dienstfrei. Nun gibt es hier noch für die am kommenden Donnerstag und Freitag stattfindende Besichtigung so allerhand zu tun:
 
Heute habe ich zum erstenmal gebügelt (Ausgehhose, Diensthose, Arbeitshose). Außerdem habe ich wie wild gewaschen (Turnhemd, Schlafanzug, Socken, Diensthemd, Privathemd, Taschentücher und Koppel, ja sogar den Stahlhelm). So habe ich den ganzen Nachmittag gemütlich verkrost. Gestern faulenzte ich. Nachmittags legte ich mich im Flughafenpark auf die Wiese und schlief, einerseits, weil ich etwas müde war vom vorangegangenen Abend, andererseits, um nicht in Versuchung zu kommen, zu viel Geld auszugeben. Morgen werde ich mir erneut einen schönen Nachmittag machen, denn mittags fahre ich nach Hannover zu einem Facharzt, um einen leichten Ausschlag im Gesicht behandeln zu lassen.
 
Sehe ich jetzt auf die vergangenen elf Wochen zurück, so muss ich sagen: Es gab manch Unangenehmes, Sinnloses und Strapaziöses, das besonders in der ersten Zeit schwer zu ertragen war. Jedoch jetzt, wo sich das Ende nähert, gab es immer mehr angenehme Stunden in dem Sinne, dass einem die Kameradschaft und das gemeinsame Verständnis füreinander über manches hinweg half. Dennoch würde ich einer sofortigen Entlassung aus dem Wehrdienst umgehend zustimmen: Und würd' man mich entlassen, so könnt' ich es nicht fassen und würde mich besaufen und gleich nach Hause laufen.
 
Donnerstag, 20.06.1963
 
Der erste Tag der Besichtigung ist vorbei. Es verlief nicht gerade alles zufriedenstellend. Manches klappte noch nicht so richtig. Es kommt bei solchen Anlässen immer eine Portion Aufregung dazu. Ein Kommandeur ist eben doch etwas anderes als ein Gruppenführer oder Zugführer. Morgen müssen wir noch eine halbe Stunde lang unser bestes im Gelände geben. Morgen Abend ist dann die Grundausbildung endlich vorbei. Samstagfrüh kommen die meisten von uns zu ihrer Stammeinheit. Das bedeutet eine Unmenge an Arbeit. Zunächst muss ich alles auspacken und reinigen und viele Dinge abgeben - und das alles bis Samstag 7 Uhr. Anschließend erfolgt dann mein Umzug in die dritte Batterie. Das große Verpacken folgt auf dem Fuße. Was nehme ich nur mit zur Übung außer allem? Gut, dass es geräumige Kisten gibt! Meine Privatsachen sind auch dabei, das Wichtigste!
 
Nach einem Alarm wird die Übung am Samstag oder Sonntag beginnen. Macht Euch keine Sorgen, wenn Ihr über einen längeren Zeitraum nichts oder nur wenig von mir hört. Die vier Wochen des großen Manövers gehen auch vorbei. Habt Dank für das liebe Päckchen, über das ich mich sehr freute - ein Stückchen Heimat wird dann jedesmal hier offengelegt, wenn ich das Schatzkästlein öffne. Meine Zukunft ist ungewiss - Eure nicht? Bei seelischen Störungen meinerseits nehme ich Zuflucht zu meinem Konfirmationsspruch. Bis bald, alles Gute. Mein Gott!
 
 
Ankunft im Neuland
 
25.06.1963
 
Ich grüße Euch herzlich aus unserem ersten Übungsgebiet in Uedem/Niederhein. Wir liegen hier auf einem Bauernhof und schlafen nachts im Heu. Außer dem Schreibstubenwagen steht hier noch der große Küchenwagen, so dass man nicht verhungern kann. Zu tun gibt es fast nichts. Wir legen uns in die Sonne oder ärgern die Schweine und Ferkel. Sonntagmorgen um 6 Uhr gab es Alarm. Um 10 Uhr rückten wir aus. Alles verpackt und den Schreibstubenwagen verladen hatten wir bereits am Samstag.
 
Man kann ja nie wissen! Der imaginäre Feind! Unsere gesamte Ausstattung wurde am Sonntagabend auf Güterwagen verladen. So fuhren wir mit einem riesenlangen Zug, auf dem die Panzer, Geschütze und Fahrzeuge festgezurrt waren, durch die Nacht. Wir fanden teilweise im Gepäcknetz unsere Nachtruhe oder auf den Bänken. Für das Entladen benötigten wir einen halben Tag. Dieses Manöver ist wirklich ein Erlebnis für mich. Ich vermisse jedoch meine alten Kameraden, muss ohne sie auskommen und mit manchen alten Füchsen zusammenarbeiten.
 
In Todendorf ist Luftzielschießen. Todendorf liegt zwischen Lübeck und Kiel in der Nähe der Ostseeküste. Hoffentlich gibt es nach diesem Manöver einen Tag Sonderurlaub.  Aber das Manöver hat ja erst begonnen. Den Sonderurlaub muss ich mir erst einmal verdienen. Und damit bin ich meinungsgleich mit unserem gefürchteten Spieß, dem geschätzten "Batterie- Hauptfeldwebel.
 
 
3. und letzter Teil
 
"Wo du nicht bist, kann ich nicht sein..."