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Niemand liebt dich ? - wieso ich ?
 
Ein braver Soldat schreibt
 
Erinnerungen an meine Wehrdienstzeit
 
aufgeschrieben von Klaus
 
 
Vorwort
 
Gegenstand dieses Textes ist meine Grundausbildung bei der Bundeswehr im Jahre 1963. Nach über 40 Jahren setze ich mich wieder an die "Schreibmaschine", so wie ich es damals als Rekrut und später als Stabsdienstsoldat tat, um Eindrücke und Erlebnisse in Worte zu fassen. Mit Anstand will ich nun diesen Abstand bewältigen.
 
Eigentlich wurde ich gedient. Freiwillig hätte ich jene Zeit - immerhin 18 Monate - sicherlich anders verbracht. Dann wäre mein Leben wohl auch anders verlaufen. Aber in jedem Leben werden ständig Weichen gestellt, wie auf einem Verschiebebahnhof. Meine Weiche hieß "Bundeswehr", und den Weichensteller kenne ich bis heute nicht.
 
Ich hatte noch versucht, meine Einberufung im April 1963 mittels einer gründlichen ärztlichen Untersuchung zu verhindern, weil ich mich - ehrlich gesagt - krank fühlte, wahrscheinlich auf Grund des Schreckens, den ich beim Lesen des Einberufungsbescheides erlitt. Der starke Bohnenkaffee, den ich vor meinem Gang zum Arzt zur Verschlechterung der Blutdruckwerte einnahm, ließ die medizinischen Geräte, an die ich angeschlossen wurde, jedoch nicht zu einem anderen Schluss verleiten als dem, dass ich trotz aller Beschwerden für den Dienst in der Bundeswehr noch immerhin gesund genug war. So brachte meine stümperhafte "Selbstverstümmelung" zu meiner Überraschung den stolzen Tauglichkeitsgrad 3 hervor. Damit durfte man als Rekrut ohne Übertreibung schon zufrieden sein. Nur ich war es nicht, da ich mir den schlechtesten Tauglichkeitsgrad gewünscht hatte, eben den, der meinem Unbehagen entsprach.
 
Mit dem Vertrauen auf Menschlichkeit - also Schonung erwartend - zog ich am Montag, dem 1. April 1963, aus, um das Fürchten zu lernen, das ich auf der Schulbank zwar auch, aber in - ich will nicht sagen - geistiger Form bisweilen genossen hatte. Nach dem Abitur geistig gestärkt, aber körperlich schwach, billigte mir die Bundesrepublik Deutschland Fähigkeiten zu, für die Verteidigung der Demokratie ausreichend geeignet zu sein. Eigentlich hätte ich mächtig stolz sein müssen, denn vor mir lag eine, wenn auch nicht selbstgewählte Aufgabe, über deren Sinn sich nachzudenken lohnte. "Bürger in Uniform" zu sein, das war schon was! Meine Begeisterung blieb jedoch hinter den für mich harten Fakten der Trennung vom Elternhaus, der Verschiebung meiner angestrebten Berufsausbildung und der in mich hinein projizierten Zukunftsvorstellungen weit zurück. Kurz: Ich war nicht  begeistert. Aber ich musste es als geburtenschwacher Jahrgang sein.
 
Nun, ich konnte für meine Geburt eigentlich nichts. Aber jetzt zog man mich auch noch dafür heran, dass mein Geburtsjahrgang 1942 schwach war. Was sollte ich denn noch alles ausbaden? Der Mensch lebt jedoch bisweilen davon, dass er heute nicht weiß, was ihm morgen blüht.  Also zog ich mit Unbehagen, aber dennoch gefasst - denn immerhin  war Frieden , oder besser gesagt "kalter Krieg - mit dem Nötigsten versorgt am 1. April in Richtung Bahnhof. Dichter Nebel lag über den Gleisen, und in grauer Ferne erhoben sich  verschwommene Gedanken über bundesrepublikanisches Soldatenleben.
 
Damals war von einer gesellschaftlichen Isolierung der Bundeswehr und vom Problem der "Inneren Führung" in Funk, Fernsehen und in den Zeitungen sehr oft die Rede. Dies alles betraf die junge Garnisonsstadt Hannover-Langenhagen nicht. Mit dem in der "Boelcke-Kaserne" stationierten Flugabwehr-Batallion 1 hatte der Wehrbeauftragte Heye noch keine Sorgen gehabt. Der Kommandeur des Bataillons hatte seit seinem Wirken in Evershorst bewiesen, dass es ihm um die Demokratie in der Bundesrepublik, um den "Bürger in Uniform",  genau so ernst war wie um die exakte Ausbildung. Auch bei mir wurde es nun Ernst, denn dieser Truppe, dem Fla-Batallion (Flugabwehr) 1, zunächst mal einer "Ausbildungskompanie" derselben, wurde ich als Rekrut zugeteilt. Ich durfte mich bald "Kanonier" nennen, auch ohne Kanone. Der Name "Kanonier" sollte nur meinen Willen - sozusagen als Vorschuss - bekunden, ausbildungsbereit für den Dienst an einer Flugabwehrkanone zu sein.  Bei der Wahrnehmung der ersten, noch dazu entfernten "Kanonenschläge", verlöschte bereits der erste Funke an Ausbildungsbereitschaft in mir. Aber lassen wir das. Die Bundeswehr besteht ja schließlich nicht nur aus "Kanonen". Und dies wurde bald an mir selbst deutlich genug.
 
 
Aller Anfang ............
 
3. April 1963
 
Könnt ihr vielleicht verstehen, dass ich augenblicklich gar nicht viel zum Lachen habe? Morgens schnellen wir um 5.30 Uhr aus den Betten. Alles muss schnell gehen. Ich habe überhaupt keine Zeit mehr, über etwas nachzudenken. Wir haben hier noch schöne Wochen vor uns. Infantriegrundausbildung heißt mein Reizwort. Das Zivilleben ist zunächst völlig zu Ende. Mein Vater weiß, wie so etwas ist, er hat es ja selbst mitmachen müssen. Am besten, man nimmt sich hier überhaupt nichts zu Herzen. Allerdings muss ich mich erst einmal daran gewöhnen. Vor mir scheint eine unendlich lange Zeit zu liegen, die sogenannte "Dienstzeit". Ich bin manchmal ziemlich fertig. Wie schon gesagt: Geistig gerüstet, aber körperlich schwach. Mein Körper bekommt so viel zur Zeit! O, dieser Muskelkater!!
 
6. April
 
Ich freue mich, dass ihr so um mich besorgt seid und so viel an mich denkt. Zucht und Ordnung sind ganz schön, so lange sie weder Körper noch Seele angreifen. Noch nie sind mir  Tage so lang vorgekommen wie die verflossenen! Dabei geht es ab Montag erst richtig los mit Märschen - ohne Musik, versteht sich - mit theoretischem Unterricht und Sport. Zur Zeit bin ich übermüdet, da unsere Nachtruhe sehr kurz ist. Gestern sind wir vollständig eingekleidet worden. Einen Zenter Wäsche habe ich erhalten. Habe alles schön im Schrank verstaut. Nun wartet die Wäsche darauf, vom "Unteroffizier im Dienst" (UvD) wieder heraus geschmissen zu werden. Dabei habe ich alles mit Hilfe von Din A 4 - Bögen verpackt. Die Hemden dürfen auf keinen Fall breiter sein als ein Briefbogen. Auf 10 Kleiderbügeln hängen meine Anzüge, vom Kampfanzug bis zum Ausgehanzug, wobei mir der letztere lieber ist.
 
In den ersten drei Monaten schrieb ich alles mit der Hand
 
Von heute bis morgen schiebe ich Feuerwache. In der Kaserne wird den ganzen Tag gebrüllt und gepfiffen. So kann wenigstens keiner sagen, er habe akustisch etwas nicht mitbekommen. Im Moment ist es für mich schwer, meinen Humor zu bewahren. Aber vielleicht ändert sich das noch. Das Essen ist hier sehr gut. Ich bekomme kaum alles herunter, so reichlich ist es. Mir reicht`s auf jeden Fall! Unser Feldwebel ist hart und streng, soll jedoch fair sein. Unsere Gruppenführer sind junge Kerle. Manche sind nur ein Jahr älter als ich. Sie brüllen uns meist an, aber sie verstehen auch Spaß. Sie bringen mir bei, wie man Hemden faltet, Strümpfe aufrollt, Schuhe putzt, Anzüge aufhängt, Kämme reinigt und Seifendosen säubert.
 
Die erste Woche in der Kaserne verging hauptsächlich mit Formalitäten: Untersuchungen, Belehrungen und Aufklärungen, Einpauken von Marschliedern und Dienstgradabzeichen. Bei der Hauptuntersuchung im Sanitätsbereich habe ich mich viermal an- und wieder ausgezogen und wurde dann, ohne untersucht worden zu sein, wieder zurück geschickt. Die sogenannte "G-Karte" fehlte. So steht man dann eine Stunde lang im Regen und friert, trotz "Geh-Karte"! Das Schöne aber ist, man hat meistens Kameraden daneben, denen es ähnlich ergeht. Nicht jeder hat eben seine Gesundheitskarte, wenn er sie dringend benötigt. Ich fühlte mich ja schließlich auch überhaupt nicht gesund. Ach, geh` mir weg!
 
20. April
 
Drei Wochen sind nun vergangen. Mein kurzer Urlaub war wie ein Traum. Diese Woche war hier allerhand los. Wir bekamen zunächst am Dienstag unsere Gewehre. Die ersten Übungen damit und das Herumlaufern auf dem Exerzierplatz ließ ich mir ja noch gefallen, aber was dann kam, übertraf alle meine Erwartungen. Während der Infantriegefechtsausbildung am Nachmittag wurden wir mächtig gescheucht, eigentlich nicht wie Menschen - eher wie Hühner. Donnerstag lagen wir im Gelände, das heißt von langem Liegen konnte eher nicht die Rede sein. Hinschmeißen, aufstehen, springen, kriechen, immer wieder dasselbe, bis uns die Zunge aus dem Hals hing. Hinzu kam das Tragen der ABC-Schutzmaske.  Wenn irgend etwas nicht klappte, jedenfalls nach Meinung der Ausbilder, mussten wir uns wieder in den Dreck werfen, um anschließend erneut aufzustehen. Ich fand, dass es eigentlich ganz gut funktionierte, jedoch Unteroffiziere haben wohl - als Ausgebildete - in diesem Punkt manchmal andere Ansichten. So konnte auch das Übungsgelände, sumpfig und dreckig stinkend, wohl nur von Leuten ausgesucht worden sein, die ihre Sache verstanden. Aber das war nicht meine Sache. Zum Dank für unsere Anstrengungen jagte man uns nun auch noch die Bäume hoch, allerdings menschlicherweise über eine Klettervorrichtung. So erreichten wir den Baumstamm in einiger Höhe, um uns dann über einen angestellten Mast wieder nach unten zu begeben.
 
     Ich vierter von rechts
Jene Geländeübungen begannen natürlich nicht in ausgeschlafenem oder ausgeruhtem Zustand, nein, bereits von der Kaserne aus ging es im Laufschritt los bis hierher zum Gelände. Auch das Gewehr trug zu meinem Missvergnügen verstärkt bei, denn vier Kilogramm bleiben nun nicht einmal acht Pfund, wenn man es ständig dabei hat. Damit wir aber auch in der Kaserne wieder wissen, was zu tun ist, ließ man uns zum Abschluss durch tiefen Schlamm waten. Ich hatte vorher nie geglaubt, dass ich einen derart großen Schmutz dereinst wieder zum Verschwinden bringen könnte.
 
Der krönende Abschluss derartiger Reinigungsarbeiten war nicht etwa dann erreicht, wenn meine Kameraden und ich die gesäuberten Sachen unter einem letzten Stöhnen in den Spind hängten, sondern erst beim Appell. Erst beim Appell konnte jeder Soldat der Ausbildungskompanie beweisen, wie weit er es schon dienstlich gebracht hatte, zumindest auf dem Gebiet der Sauberkeit. Die Suche nach verstecktem, bisweilen nur molekular zu vermutendem Schmutz, stieß bei mir ständig auf Erfolg. Manchmal war es nur ein verirrtes Sandkörnchen, das die Stiefelsohle durch das Kitzeln eines Unteroffiziersmessers plötzlich frei gab. Ich wurde dann gefragt, ob das etwa sauber sei. Was sollte ich antworten? Ein Ja hätte zur Folge gehabt, dass beim nächsten Appell sogar noch subatomare Verunreinigungen bei mir, oder besser in meinen Sachen, aufgetaucht wären. So sagte ich also, wenn auch sehr leise, "nein". Jene Lautstärke war eigentlich schon wieder gegen den Kommiss gerichtet. Ich hätte es laut und deutlich aussprechen müssen, dann wäre ich ein ganzer Kerl gewesen, oder wenigstens so erschienen. Dies hätte mir beim nächsten Appell nur Vorteile gebracht.
 
Unsere Ausbildungsdienstgarde, ich meine unsere Ausbildungsdienstgrade, also die uns ausbildenden Unteroffiziere hatten ausnahmslos ein recht gutes Gedächtnis. So merkten sie sich z.B. über Tage und Wochen hinweg diejenigen Kanoniere, die den letzten 2000 Meter Lauf wegen vorzeitiger Erschöpfung unterbrochen hatten. Manche Schikane gegenüber meiner Person führte ich auf jenes gute Gedächtnis zurück. So sollte ich den 2000 Meter-Lauf nach Dienstschluss, wenn ich mich richtig kaputt fühlte, weiter üben. Ich tat es, wenn auch die Ergebnisse kläglich waren.
 
Was half mir mein Tauglichkeitsgrad 3?  Ich war nun mal mit vielen Kameraden zusammen, die besser waren. Ich musste mich nach dem Oben orientieren. Auch meine Fußverletzungen in den harten Stiefeln, die wohl nicht richtig passten, wurden mit einem Lächeln abgetan. Als ich sagte, ich könne in diesen Stiefeln nicht mehr laufen, weil sich dann die Wunden an den Fersen weiter aufscheuern würden, gab der Unteroffizier vom Sanitätsbereich mir als Antwort: "Sie sind Soldat, lassen Sie ruhig scheuern!" Am liebsten hätte ich ihm eine gescheuert. Krank war man wohl erst, wenn man fast schon tot war. So musste ich eben in diesen Stiefeln mir eine etwas andere Gangart zulegen. Man sah mir meine Verletzung beim Gehen natürlich an, und nicht nur im Gesicht. Nur wenn ich einem Offiziersgrad begegnete, machte ich gute Miene zum bösen Spiel, das die Bundeswehr mit meinen Füßen trieb.
 
Es wurde mir zunehmend klar: Dieses andere Leben ließ mich das, was mir vor dem Abitur eingetrichtert worden war, schnell vergessen. Es gab also doch noch ein anderes Leben, und was für eins! Man wollte einen Soldaten aus mir machen! Ich sollte mir angewöhnen, "auf die Zähne zu beißen". Auf was hatte ich früher eigentlich gebissen? Ich sollte Unschönes und eine Menge Derbes zu hören bekommen. Ich würde ein gerüttelt Maß über Weiber und über das Saufen aus dem Munde meiner Kameraden erfahren. Nach diesen drei Wochen kann ich wirklich darauf gespannt sein, was mich hier noch alles erwartet.
 
28. April
 
Das Essen war in der vergangenen Woche so schlecht wie noch nie hier oben.  Obwohl wir uns zwei volle Tage im Gelände aufhielten, bekamen wir mittags nur Eintopfsuppe. Immer wieder das gleiche Brot setzt man uns vor, ein seltsames Trockenbrot, das ich nicht mag. Wir nennen es "Hundekuchen". Es ist zwar genug da, um satt zu werden, aber manchmal ist man schon satt, ohne genug gegessen zu haben. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Wir bekommen abends eine Büchse Blutwurst. Aber wer kann so viel Blutwurst auf einmal vertragen? So träume ich von mehreren kleinen Dosen mit unterschiedlichen Wurstsorten, aber nicht nur davon.
 
In der vierten Woche waren wiederum die Tage im Gelände die anstrengendsten. Morgens um 7.30 Uhr erfolgte der Gepäckmarsch zur Heeresoffiziersschule. Dort machten wir Schießübungen mit dem G3-Gewehr. Für manchen waren es "Scheiß Übungen". Anschließend marschierten wir weiter zum "Silbersee" durchs Gelände. Nach ausgiebiger Geländekunde errichteten wir abends unsere Biwaks.
 
Wie ihr euch denken könnt, hatte ich mir bereits schon auf dem Hinmarsch wieder die Füße kaputt gelaufen, die bislang ja auch noch nie eine Gelegenheit hatten zu heilen. Eine kleine Erleichterung für mich war, dass ich auf dem Zeltplatz bis 23 Uhr Wache schieben durfte, da ich die Nachtübung wegen der Fußanomalien nicht mitzumachen brauchte. Dieser Hauch von Menschlichkeit erfuhr eine ungeahnte Steigerung, als ich am nächsten Tag vom strapaziösen Rückmarsch befreit wurde. Inzwischen geht es meinen Füßen besser und ich bin bald wieder einsatzfähig, wenn auch weniger einsatzbereit. 
 
Wir waren in den vergangenen Tagen oft auf dem Exerzierplatz. Antrete-, Richt-, Schwenk- und Wendeübungen standen auf dem Programm. Die Wendeübungen waren für mich am interessantesten, jedoch merkte ich sehr bald, dass für mich die große Wende nicht eintrat. Ich hätte Wände eintreten können: Die Kaserne hielt mich fest. Man konnte mich gebrauchen.  Inzwischen erinnerte ich mich häufiger daran, wofür ich dies alles tat.
 
Samstags stand bei uns unter anderem "Politische Information" auf dem Dienstplan. In dieser Unterrichtsstunde müssen die Vertreter der einzelnen Gruppen über die wichtigsten politischen Ereignisse der Woche referieren. Da für diese Aufgabe vornehmlich Abiturienten heran gezogen wurden, sah ich mich schon einige Tage vorher am Rednerpult stehen. So kam es dann auch. Zum ersten Mal fiel ich angenehm auf, als ich über die grundsätzliche Bedeutung der Gewerkschaften in einer parlamentarischen Demokratie sprach. Eigentlich hatte ich mir alles aus den Fingern gesogen: ein bisschen Geschichte, ein bisschen Abitur, ein wenig Staatsbürgerkunde. Denn wer hatte in diesen anstrengenden Wochen Zeit, eine Zeitung zu lesen.
 
Wenn man Zeit hatte, wurde geschlafen. Aus Interesse informierte ich mich aber hinterher doch noch darüber, was in der vergangenen Woche geschehen war, in der Politik. Daraufhin stellte ich fest, dass mein Vortrag schlecht gewesen war. Mit einem schlechten Vortrag angenehm aufzufallen - jene Möglichkeit bestand hier offensichtlich.
 
Wir hatten wenig Zeit, die uns zur eigenen Verfügung stand. Die Gewehrappelle waren furchtbar streng. Das Gewehr ist ja bekanntlich die "Braut" des Soldaten. Das Schlimmste für mich war, dass ich diese Verlobung nicht lösen konnte. Ich musste die widerwärtigen Nachappelle über mich ergehen lassen, bis meine "Braut" völlig makellos war. Mein Gewehr hätte ich nun heiraten dürfen.  
 
Die Abende vergingen mit Saubermachen, Putzen, Flicken und Nähen. Etwas Auflockerung brachte in dieser Woche die sogenannte "Grußabnahme". Der Soldat muss zeigen, dass er seine Vorgesetzten richtig zu grüßen vermag. Hat er dies gelernt, wird ihm der Gruß abgenommen. Ist ihm der Gruß abgenommen, kann und muss er grüßen. Er legt dazu seine rechte Hand in einer bestimmten Weise an den Kopf, was der andere erwidert. Nach dem Gruß wird normal weiter gegangen.  Ich glaube, dass ich inzwischen etwas abgestumpft bin und mich mit manchen Dingen schon leichter abfinde als am Anfang.  Meine liebste Uniform, die Ausgehuniform, darf ich nun tragen. Ich kann nämlich grüßen.
 
30. April
 
Die körperlichen Anstrengungen hielten sich gestern in Grenzen. Es standen nur theoretischer Unterricht und Formalausbildung auf dem Dienstplan. Heute Nachmittag war hier allerlei los. Es fing an mit dem Appell des Ausgehanzuges, der beiden Mäntel und der Mütze. Diese Sachen sind ja sowieso immer relativ sauber. Nach diesem problemlosen Einstieg hieß es: In fünf Minuten im Arbeitsanzug antreten! Anschließend erfolgte ein überraschender Marsch ins Gelände mit Sturmgepäck, Gewehr und Gasmaske. Das Wort "Gasmaske" ist eigentlich nicht ganz richtig. "ABC-Schutzmaske" muss es heißen.
 
Jene Maske ist nicht etwa für Analphabeten bestimmt, sondern soll vor atomaren, biologischen und chemischen Waffen, bzw. deren Auswirkungen auf die Atemwege, schützen. Mit dem Schrei "Gas!" unseres Feldwebels wussten alle, was zu tun war: die Maske aufsetzen, um weiter atmen zu können. Doch dieses Luftholen war trotzdem, vor allem im Laufschritt, mit vollem Sturmgepäck, sehr qualvoll. Ein kleines Kieselsteinchen fand sich immer im Gelände, um es zwischen Hals und Maskenrand zu klemmen. Das verschaffte Frischluft. Natürlich nur zu Friedenszeiten, im Krieg wäre das tödlich ausgegangen. Aber bis dahin hatten wir ja noch Zeit und ich freue mich, dass sich bis heute bei uns in Deutschland daran nichts geändert hat, sowohl am Frieden als auch am Trick mit dem Kieselstein.
 
Der Aufenthalt im Gelände steigerte sich an diesem Tag zu meinem vollsten Vergnügen. Was für einen Kerl hatten sie doch schon in wenigen Wochen aus mir gemacht! Dieses ständige Laufen mit meiner schweren Ausrüstung, Berge hoch und runter, durch dicken Schlamm, dass es an den Stiefeln nur so "quackte" und "zwitschte". Ich vollzog das alles ohne zu murren. Als es mal wieder hieß "Hinlegen!", warf ich mich anstatt auf den einigermaßen trockenen Weg in eine ausgedehnte Pfütze daneben. Darauf bemerkte der ausbildende Unteroffizier halblaut, aber vernehmlich: "Gut, Hoffmann, sehr gut!" Ich war also "sehr gut", und das im Geländedienst! Wenn ich nicht auf dem Boden gelegen hätte, wer weiß, wie stramm ich vor mir selbst gestanden wäre.
 
    Von l.: Textores, Bäumker, Wetzel, Kramer, Gräper 
 
Nun drangen wir immer tiefer ins Gelände ein. Man musste kein Meteorologe sein um festzustellen, dass es in dieser Gegend vor kurzem mächtig geregnet hatte. Aber der matschige Boden nahm uns willig auf und federte unser Gewicht ab. Das mussten wir allerdings mit einem etwas bräunlichen, teils schwärzlichen Aussehen bezahlen. Deshalb verstand ich anfangs nicht, warum wir uns noch schwärzer machen sollten. Das Gesicht nämlich, unser wertvollster Körperteil, hatte am wenigsten von dem Dreck abbekommen. Es leuchtete geradezu aus einer dunklen Gestalt hervor. Für den Feind, vor allem von vorne, wäre das eine gute Zielscheibe gewesen.  Deshalb verbrannten wir Papier,  spuckten in die Hände und zerrieben die Asche zu einem schwarzen Brei, den wir auf die Gesichtshaut auftrugen. "Tarnung" nennt man das, und der Feind hätte jetzt kommen können. Wir wären nicht mehr gesehen worden, weder von vorne noch von hinten.
 
Das Kriechen über die Erde diente demselben Zweck. Es wurde mir sehr schnell bewusst, dass wir "Krieg" spielten. Wir ergaben uns den Kommandos "Auf! Hinlegen! Deckung! Auf!" Wir fertigten Skizzen an und machten Meldung. Einmal sagte ich an Stelle von "melden" "Bescheid sagen". Darauf erhielt ich die Antwort des erbosten Vorgesetzten: "Einer alten Frau können sie Bescheid sagen, mir wird Meldung gemacht!" Na ja, wir waren schließlich nicht im Zivilbereich. Hier gab es auch keine alten Frauen, noch nicht einmal junge. Ich fügte mich und machte künftig nur noch "Meldungen"!
 
Das Spiel ging weiter. Ich sagte mir, wenn Krieg so anstrengend ist, gehe ich bestimmt erst gar nicht hin. Anschleichen! Schießen! Aufspringen! Deckung! Ein toller Truppenübungsplatz! Hinauf auf die Trümmer, springen aus 2 bis 3 Meter Höhe in voller Ausrüstung. Das entspricht einem Aufprall im Auto bei etwa 15 Stundenkilometern auf eine Wand.
 
Wir konnten uns nicht anschnallen, und auch die Aufprallrichtung war anders als im Zivilleben. Wir kamen zum Glück von oben und wussten, dass wir mit den Füßen aufkamen. Es tat jedoch einen gewaltigen Ruck. Da schnallst du ab. Wir waren offensichtlich mitten im Programm. Jetzt, Springen über einen Wassergraben. Danach wieder im Laufschritt durch dicken Schlamm, das Gewehr in "Pirschhaltung"! "Gaaas!" ertönte es. Die ABC-Schutzmasken auf! Wer wollte schon chemisch oder biologisch verseucht werden. Auf, die Maske, logisch!
 
Unser tägliches Leben als Kanoniere war angefüllt mit Schlagzeilen. Die Situationen, die zu gewissen Standardsätzen passten, variierten bisweilen leicht, die Ausrufe unserer Ausbilder blieben aber durchweg dieselben: "Hoffentlich sind Sie bald oben!"  "Sie haben Sportzeug an und gehen"? "Zurück in die Stuben!"  "Rührt euch, ein Lied!"  "In Marschordnung, Abteilung -  Halt!"  "Das hört sich ja an, als wenn eine Ziege aufs Trommelfell scheißt!"  "Rottenweise rechts einrücken!"  "Fertigmachen zum Unterricht mit Stühlen!"
 
Diesen Stuhlgang hatten wir häufig.  "Aaachtung! Stube 50, belegt mit vier Mann, zwei Mann in den Betten, ein Mann im Sanitätsbereich, Stube gereinigt und durchlüftet, Stubendienst Kanonier Hoffmann!"  "Rühren Sie durch!" "Haben Sie Staub geputzt? Sehen Sie mal hier! Sehen Sie mich noch?"  (Er bläst vor seinen gestreckten Zeigefinger der rechten Hand.)  "Richt euch!" "Rechtswendungen nach Zeiten: eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei (bis drei kamen wir nie!)" "Abteilung - kehrt!" Ich hielt nach einem Besen Ausschau. "Augen -rechts!  Die Augen - links!" Bei "links" hieß es immer "die" Augen, auf jeden Fall waren es meine Augen. "Zweiter Zug - still gestanden!"
 
Laut war es vorher gar nicht gewesen. "Zweiter Zug - rührt euch!"  Ich fand das rührend!  "Zur Meldung an den Hauptfeldwebel - die Augen - links!!" Wir standen also rechts vom Hauptfeldwebel, schloss ich daraus. Heute weiß ich, dass ich mich irrte. Der Hauptfeldwebel stand ja mit dem Gesicht zu uns. Nur so konnte er uns sehen. "Morgen Kompanie!" "Morgen, Herr Hauptfeld!"  "Hauptfeld" ist die Abkürzung von "Hauptfeldwebel" (das fällt mir gerade ein.)  "Ausbildungskompanie -  rührt euch!"
 
Schon wieder! Nachdem wir alle sehr gerührt waren, nahmen wir die Befehle für den Tag entgegen. Viele davon kannte ich bereits, aber ich war froh, dass ich es noch einmal gesagt bekam. Beim Kommiss ist nämlich nichts so schlimm wie ein Missverständnis. Auch die militärische Sprache hat sicherlich ihre Vorteile. Während Ludwig Uhland in einem seiner Gedicht nieder schrieb: "Nun muss sich alles, alles wenden!" heißt es bei uns einfach "Kehrt!"
 
4. Mai
 
Um 3.50 Uhr standen wir alle draußen. Anschließend gruppenweiser Abmarsch ins Gelände. Marsch mit Kompass und Kohldampf, auch "Orientierungsmarsch" genannt. Endlich um 7.30 Uhr erreichten wir alleine (ohne Gruppenführer, denn wir waren auf uns selbst gestellt) unser Ziel, den Schießstand der HOS (Heeresoffiziersschule). Hier frühstückten wir. Anschließend begann unser Schießunterricht, und zwar die erste und zweite Grundübung.
 
Die Schießerei - militärisch "das Schießen") - dauerte sehr lange. Bis unsere Gruppe wieder an der Reihe war, vergingen Stunden. So gammelten wir herum und froren fürchterlich. Hier oben in der Ebene pfeift nicht nur der Gruppenführer, sondern auch der Wind. Ich hatte von Anfang an erneut Angst um meine Füße, doch meine Fersen blieben diesmal heil. Dafür bekam ich aber neue Blasen.
 
Es scheint eben nicht ohne Fußbeschwerden zu gehen. Übrigens, während des Marsches spielten sich rührende Szenen ab. Wir halfen uns oft gegenseitig, indem wir uns zum Beispiel aneinander klammerten, oder indem Kameraden mit besserer Kondition zwei oder drei Gewehre trugen. Im Ernstfall hätten sie natürlich nur mit einem Gewehr schießen können, aber sie drückten mit dieser Geste aus, dass sie ihre erschöpften Kameraden entlasten wollten, damit diese im Ernstfall wenigstens noch selber schießen konnten. So kamen wir als vierte Gruppe in der HOS an.
 
Die Gruppen, die vor uns eingetroffen waren, wurden für ihre Schnelligkeit belohnt. Der erste Sieger wurde zurückgefahren (der hatte das doch am wenigsten nötig), der zweite Sieger brauchte nur die halbe Strecke zu laufen. Die Schießübung, manchmal fiel wieder das Wort "Scheiß Übung", dauerte bis etwa 15 Uhr.  Ich erfüllte, trotz aller Anstrengungen, die gestellten Bedingungen nicht. Ich sollte nämlich drei Figuren treffen, traf aber nur eine. Im Ernstfall wäre wohl ich eine der beiden fehlenden Figuren gewesen, die jedoch dann - und zwar vom Feind - getroffen worden wären. Aber darüber machte ich mir im Frieden keine Gedanken. Außerdem war ich in der Ausbildung. Ich war ja zur Bundeswehr gekommen, nicht um etwas zu können, sondern um etwas zu lernen.
 
Um 15.30 Uhr traten wir endlich den Rückmarsch an. Unser Feldwebel steckte mich ganz nach vorne an die Spitze des Zuges. Offenbar hatte er Angst, ich könnte hinten verloren gehen. So hielt ich mit äußerster Kraftanstrengung zunächst einmal durch. Man machte mich zum Ersten. Die anderen trauten mir mehr zu als ich mir selbst. Dennoch trug zeitweise - menschlich fein - mein Gruppenführer mein Gewehr, also nicht ich, was mir besser gestanden hätte.
 
Ich nahm diesen Zacken, der aus meiner Krone gebrochen war, nur aus Erschöpfung gelassen hin. Mein Feldwebel, der alles von Anfang an mit angeschaut hatte, überreichte mir einen Apfel. So wurde es mir möglich, auch noch die letzten Reserven aus meinem immer sportlicher werdenden Körper heraus zu holen. Von diesem Augenblick war mir mein Feldwebel, obwohl er auch noch "Krieger" hieß, trotz aller Schinderei, die mit der Grundausbildung zu tun hatte, sympathisch. Härte muss auch hin und wieder der Menschlichkeit weichen können. 
 
Längst, nachdem der köstliche Apfel verspeist war, kamen wir, in Schweiß gebadet, am Kasernentor an. Ein Dauerlauf über die letzten 300 Meter bis zum Block bildete den Abschluss. Danach war ich aber nun restlos fertig. Auch ein weiterer Apfel hätte mich nicht mehr aufmuntern können. Ich war derart müde, dass ich noch nicht einmal spürte, wie stark ich fror. Das Ende des ersten großen Alarms, auf den ich schon immer gewartet hatte, war Schlaf, ein so tiefer, dass ich ihn fast schon als todesähnlich bezeichnen möchte. Ein Neunzehnstundentag lag hinter mir und ich lag mit ihm. Keine Gewerkschaft, die meine Interessen vertrat! Das Erwachen am nächsten Morgen war schrecklich. Ich fühlte mich so müde und zerschlagen, als hätte ich mehrere arbeitsreiche Tage bereits wieder hinter mir. Dabei stand neue Arbeit, meist körperliche, erneut bevor.
8. Mai
 
Die Hälfte dieser Woche ist schon wieder um. Ehrlich gesagt, die Zeit vergeht schnell, obwohl hier manche harte Stunde zu bewältigen ist, in der man meint, die Zeit stünde still. Wir waren fast jeden Tag für drei bis vier Stunden im Gelände. Spähtruppformation, Kriechen, Deckung nehmen, Stellung, auf den Wall und Stellung, herunter rollen lassen, das Gewehr in Pirschhaltung, auf dem Bauch liegen... . Wir sahen aus wie die Schweine. Es zeigte sich jetzt schon, dass die Strapazen in der zweiten Hälfte der Grundausbildung zunehmen. Ein 45-Kilometer-Marsch wird dann das Ende dieser Zeit krönen.
 
Die Märsche (noch immer ohne Blasmusik) werden jeden Tag ein Stück länger. Am kommenden Freitag machen wir den bisher größten Marsch. Der Rückmarsch findet in der Nacht zu Samstag statt. Wir werden nur mit einem Kompass ausgerüstet sein, den Rest müssen wir allein bewältigen. Satellitennavigation gab es damals nicht. Wenn wir uns verlaufen, wird es nur am Kompass liegen. Wer hätte noch nie von der sogenannten "Missweisung" gehört? Natürlich wird man uns Soldaten die Schuld geben. Wir können (oder konnten) ja denken, der Kompass hingegen nicht. Wenn ich die allmählich aufblühende Natur betrachte, denke ich oft an zu Hause, an unseren großen Garten. Auch hier wird es, trotz allem, allmählich grün, sogar im Bereich der Kaserne.
 
 
In der Tretmühle
 
12. Mai
 
Gestern erhielt ich euren Brief, gerade als ich vom Nacht-Orientierungsmarsch zurück kam. Ich las ihn sofort und verrichtete dann weiter meine Aufräumungsarbeiten. Wir mussten nämlich noch unsere Stuben säubern und für den "Stubendurchgang" alles in Ordnung bringen. Außerdem hatten wir noch Gewehrappell, der jedoch auf Grund unserer körperlichen Verfassung nicht so streng wie üblich war. Nach 10 Uhr konnten wir endlich von Dienstschluss sprechen. Wir waren ohne Pause von Freitagmorgen 5.30 Uhr bis Samstag 10.00 Uhr auf den Beinen gewesen. Dazu kam der Nachtmarsch von 0.45 bis 5.30 Uhr als größte körperliche Leistung. Es reizt mich, jenen 29stündigen Dienst etwas näher zu erläutern.
 
Freitag 5.30 Uhr war Wecken, danach Frühstück, anschließend Befehlsausgabe.  Um 7.30 Uhr standen wir zum Abmarsch bereit. Es hatte die ganze Nacht über in Strömen geregnet. Es fing erneut an, als wir in voller Ausrüstung loszogen. Wir marschierten nach Resse zu einem modernen Schießstand, einer gewaltigen Anlage für Gewehr- und Maschinengewehrschießübungen. Es regnete noch den ganzen Morgen. Die Waldwege waren völlig aufgeweicht. Wir waren "dick" angezogen, um zu verhindern, dass der Regen bis auf die Haut durchdringt.
 
Als wir in Resse angekommen waren, hatte das Gewicht unserer Kleidung durch den aufgesogenen Regen schon erheblich zugenommen. Nun begannen wir mit den Schießübungen. Man setzte mich ans Telefon, damit ich die Ergebnisse, die mir aus der Deckung übermittelt wurden, dem Schreiber diktieren konnte. So saß ich nun den ganzen Morgen im Regen und telefonierte lustig drauflos, bis die gesamte Kompanie durchgeschossen hatte. Meine Hose hing nass an den Beinen (wo sonst?). Jedoch war es erstaunlich, wieviel Wasser die Klamotten aufsaugen können. So drang der Regen nicht einmal bis auf den Rücken durch. Innen war ich noch nass geschwitzt vom Marschieren und außen nass vom Regen. Ein tolles Gefühl. Ich atmete erleichtert auf, als der Regen mittags aufhörte.
 
Die Schießübungen zogen sich über den ganzen Tag hin. Nachmittags steckte man mich erneut ans Telefon. Ich selbst habe übrigens nicht nur telefoniert, sondern auch geschossen, und zwar recht gut! Auf 250 m Entfernung mit drei Schuss traf ich beim ersten Mal die Fünf hoch links, beim zweiten Mal die Zehn (in die Vollen), und beim dritten Mal wieder die Zehn. Das war aus dieser Entfernung erstaunlich und außerdem mit 25 die Gruppenbestleistung. Der Feind hätte keine Freude an mir gehabt. So verging der Tag mit Schießen. Zum Schluss wurde auch noch die erste Vorübung mit dem MG absolviert.
 
Nach dem Abendessen, das wir im Freien zu uns nahmen, wechselte das Programm. Nach einer Pause begann das Nachtschießen. Hierbei erzielte ich keine Treffer, weil ich das Ziel überhaupt nicht sah. Was ich sah, war die Nacht, aber die sah sowieso jeder, auch ohne zu schießen. Irgendwie fand ich das beschissen. In die Dunkelheit hinein ballern kann wohl jeder. Und das nach den Schießerfolgen am Tage. Aber Frust kommt gleich hinter dem Kommissbrot. Nicht, dass ich mich schlecht fühlte, nur eben wieder mal müde. Es war ja auch inzwischen bereits 23 Uhr. Da hat man ein Recht darauf, müde zu sein. Nur stand uns jetzt der Rückmarsch bevor. Zu diesem machten wir uns bereit und versammelten uns vor der Schießanlage.
 
Der Zug ging gruppenweise los, immer in bestimmten Abständen. Um 0.45 Uhr war unsere Gruppe (wohl nicht die beste) an der Reihe. Wir zogen los, von Posten zu Posten. Einmal hatten wir uns verlaufen und wanderten zurück. So irrten wir durch die Nacht. Wir waren noch immer unterwegs, als der Tag anbrach. Drei Posten waren noch anzulaufen. Der glutrote Ball der Sonne schien wie ein überdimensionaler Wegweiser den Horizont mit Feuer zu überziehen. Wir jedoch überzogen unsere Zeit. Wo waren die restlichen drei Posten? Zwei hätten ja schon genügt. Warum so großzügig?
 
Unser Zug war wirklich groß. Wir konnten deshalb nicht alle zugleich die besten sein. Aber ich fand den Gedanken nicht gerade abwegig, auch einmal zu den Besten zu gehören. Doch erneut kamen wir vom Wege ab. Leider! Ich sah mich um und erblickte die Morgensonne in gelblichem Rot. Sie würde jetzt auch über meinem Zuhause stehen. Dort, wo ich aufgewachsen bin, würde ihr Schein mein Zimmer erhellen. Doch ihre Strahlen trafen mich hier, im Gelände. Auch die Posten, die wir suchten, konnten die ersten wärmenden Sonnenstrahlen genießen. Aber wahrscheinlich waren sie sauer, weil wir noch immer nicht eingetroffen waren. Was konnte die Sonne dafür?
 
Endlich, gegen 5.30 Uhr, erreichten wir - fast alle vollkommen, und zwar fertig, die Kaserne. Hier begann natürlich - der Dienst. Nach dem Frühstück mussten wir unsere Sachen verstauen und säubern, säubern natürlich vorher. Menschlicherweise war nun bereits nach 10 Uhr Dienstschluss. Das Mittagsessen möchte ich nur als eine kurze Schlafunterbrechung bezeichnen. Um 20 Uhr wurde ich wach. Nach dem Abendessen schlief ich weiter bis 7 Uhr früh.
 
21. Mai
 
Die achte Ausbildungswoche brachte in den ersten Tagen nichts Besonderes. Zu erwähnen wäre vielleicht, dass wir gestern Abend einen Theaterbesuch hinter uns brachten, und zwar Shakespeares "Maß für Maß". In den Kantinen hatten wir übrigens schon öfters "Maß für Maß" genossen, auch ohne Shakespeare. Es war auch kein "Shakes-Bier", sondern eine andere Marke. Theater ist aber eine hervorragende Abwechslung im Leben eines Soldaten. Man sieht einmal wieder die Bretter, die die Welt bedeuten, nachdem man lange Zeit mit manchem Brett vor dem Kopf herum gelaufen ist. Man wird endlich zur Ruhe gezwungen - doch dann meldet sich sogleich die Müdigkeit. Sie verhindert, dass man viel  zur Kaserne an geistiger Bereicherung mitnimmt.
 
Um 23.45 Uhr - meine Uhr war immer dabei, im Gegensatz zu mir - erreichten wir die Kaserne, diesmal nicht mit Mühe und Not. Der Schlaf war trotz Theater - eigentlich hätte es ja jeden von uns weiter beschäftigen müssen, was Shakespeare uns Soldaten sagen wollte - dennoch sehr erquickend. Trotzdem fiel uns das Aufstehen am nächsten Morgen sehr schwer. Die Theatervorstellung war nicht verarbeitet. Grausam war es zu wissen, dass es bis 22 Uhr kein Zurück ins Bett mehr gab. Shakespeare konnte das damals nicht wissen. Vielleicht hätte er für uns Soldaten ein anderes Stück geschrieben.  Nun denn, die Zeit vergeht mehr und mehr wie im Fluge, obwohl hier niemand bei der Luftwaffe ist. Die achte Ausbildungswoche ist bereits zu einem Drittel um. Es fehlen also noch - zwei Drittel. Ich erinnerte mich an meine Schulbildung.
 
Ich habe Urlaub beantragt. Hoffentlich lässt man mich! Der Urlaub, oder besser: das Urlaubsbegehren, wird ständig als Mittel zum Zweck eingesetzt. Der Zweck heiligt ja bekanntlich die Mittel. Die Mittel heißen: alles zu tun, um nur ja nicht negativ aufzufallen. Da lässt man sich halt etwas einfallen. Wir sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Wir kennen inzwischen auch schon ein paar Schwächen der Starken. Ich hoffe also, dass es mit dem Urlaub klappt. Grüßt euren Schäferhund von mir und sagt ihm, dass auch ich gelegentlich "Hundekuchen" zu essen bekomme. Solidarität im Soldatenleben, auf wen oder was sie sich auch richtet. "Richt euch!"
 
8. Juni
 
Inzwischen liegt die 10. Woche hinter mir. Ich habe den Eindruck, dass wir nun bis zum Ende der Grundausbildung noch tüchtig "geschliffen" werden sollen. Wahrscheinlich handelt es sich um die letzten "Feinarbeiten". So waren in dieser Woche einige harte Arbeiten zu bewältigen. Drückende Schwüle und eine mörderische Hitze kamen hinzu. Wir schwitzten deshalb sehr viel und tranken zum Ausgleich.
 
Der Dienstplan für die nächste Woche ist nicht von Pappe. Ich erwähne nur den Begriff "Nördlich Unterkunft" und glaube, damit ist genug gesagt. Nach etwa zwei Wochen wird jedenfalls der erste Spuk vorüber sein, danach fängt mit Sicherheit der zweite an. Ich komme voraussichtlich zur 3. Batterie in die Schreibstube. Wieso? Nach meinen Erkundigungen wird dort ein Stabsdienstsoldat entlassen. Ich werde an seine Stelle treten. Die Schreibstubenbesatzung kann sich sogar eines eigenen Zimmers erfreuen. Ich werde an dieser Freude bald Teil haben!? Ich bin übrigens der einzige unseres Zuges, der zur 3. Batterie kommt. Ich ließ mir erzählen, dass der Schreibstubenfeldwebel in Ordnung ist, ebenso der Unteroffizier und seine Gefreiten. Das "Haar in der Suppe" soll jedoch der Spieß sein, der in seiner Eigenschaft als Hauptfeldwebel oder "Mutter der Kompanie" herum brüllt und die Leute "anscheißt". Welch ein fürchterliches Wort! Aber vorsichtig, dies sind nur Stimmen aus dem Volk. Die Wirklichkeit könnte etwas anders aussehen.
 
Unsere jetzige Stubengemeinschaft wird auf jeden Fall aufgelöst. Dirk wird zur 5. Batterie versetzt (Versorgung), Hartmut wird ein Nachschubsoldat, wahrscheinlich Kradmelder, und Klaus wird nach Braunschweig versetzt. So wird hier jede Stube in alle Winkel verstreut. Was wird, wird still. Aber jene Stille ist hier immer noch eine Seltenheit. Mein Wunsch ist es jetzt, dass ich bei der 3. Batterie (L 60 Geschütze und Raupenfahrzeuge, die oft fälschlicherweise als Panzer bezeichnet werden) einen guten Posten bekomme, wo ich mehr schriftlich, eventuell sogar geistig, als körperlich arbeiten muss, dass ich dort neue und ebenso anständige Kameraden finde wie zur Zeit meiner Grundausbildung und dass ich mich an den unangenehmen Spieß gewöhne, bzw. er an mich - was unwahrscheinlicher ist. Man ist schon so viel gewohnt, dass man sich kaum noch vor etwas bange macht.
 
Wer weiß, was diejenigen Kameraden erwartet, von denen man sagt, sie hätten es "gut getroffen". Wer weiß, was die Abiturienten erwartet, die sich für 2 Jahre verpflichtet haben und die, obwohl sich viele kaum dazu eignen, ihren Reserveoffiziersanwärter (ROA) machen wollen? Man hat uns versichert, dass die Abiturienten dieses Lehrgangs schlechter sind als die meisten Leute ohne Abitur, wohingegen es sonst umgekehrt gewesen sein soll. Die meisten verpflichten sich nur wegen des Geldes auf zwei Jahre oder länger. Vor dieser Einstellung ist aber zu warnen.
 
Ich könnte es hier in 18 Monaten zum "Fähnrich der Reserve" bringen (Feldwebel in Offizierslaufbahn). Jedoch eigne ich mich nicht dazu. Die Fahnenjunker- und Fähnrichlehrgänge sind nämlich besonders hart. Ich sehe es doch jeden Tag an unserem Gruppenführer, Fahnenjunker K., was der alles mitmachen muss: Leute anschreien, immer mit hinaus ins Gelände... . Er macht zwar nicht den gleichen Dreck mit wie wir, aber er muss immer dabei sein und trägt die ganze Verantwortung für eine  Gruppe. Außerdem muss er sportlich auf der Höhe sein. Stellt euch vor, ich sollte mit einer Gruppe 5000-Meter-Läufe, Waldläufe, Gymnastik und Spiele machen, und ich selbst könnte kaum durchhalten. Ich würde dann die Grundausbildung noch mehrere Male mitmachen, wenn auch nicht als Kanonier, schon gar nicht als "Kanone"!  Und was, wenn ich die Lehrgänge nicht bestehe? Dann bleibe ich vielleicht die gesamte Zeit "Hilfsausbilder".
 
Man hat uns auch zu verstehen gegeben, dass das Abitur zwar hilft, schneller voran zu kommen, dass es jedoch kein "Freifahrtsschein"  ist. Zum "Nulltarif" wird hier niemand etwas, erst recht nicht eine "Null". Ach, hätte ich doch mehr Ehrgeiz! Wer weiß, was ich dann für  Pläne hätte. Aber so bin ich weiterhin W 18 und erhalte am Ende dieser Zeit 280 DM. Außerdem steigt der Wehrsold nach 6 Monaten, falls ich Gefreiter werde, auf ungefähr 80 DM. Ja, nach 10 Wochen stelle ich bezüglich meiner Dienstauffassung wenig an Veränderungen bei mir fest. Aber warum überhaupt so kritisch?  Ich hoffe, dass es nach der Grundausbildung einen kurzen Urlaub gibt! Ein langer wäre mir lieber!
 
Kanonier Klaus, 8. Juni 1963